Das Kleingartenwesen in Berlin
im 19. Jahrhundert
Der Kleingarten hat in Deutschland – auch in Berlin – eine alte Tradition. Der Gedanke an einen Garten entstand mit der Vergrößerung und engeren Bebauung der Städte. Alte Schriften aus dem 19. Jahrhundert wissen zu berichten, dass im Zuge der Industrialisierung Berlins zahlreiche Fabriken und Mietskasernen in der Stadt gebaut wurden. Das hatte zur Folge, dass die vielen Vor- und Hofgärten neben dan alten schlichten Wohnhäusern dem Baufieber weichen mussten. So suchten vor allem die Arbeiterschaft, aber auch das Kleinbürgertum und die Schicht der kleinen und mittleren Beamten einen Ersatz in kleinen Gartenparzellen in den Außenbezirken Berlins, die damals längst zum Stadtbild zählten. Dem Wunsch nach einer solchen Parzelle lagen vor allem folgende Gedanken zugrunde:

(Quelle: Wikipedia)
der Aufenthalt an frischer Luft, in der freien Natur als Ausgleich für die stickige Atmosphäre in den Mietskasernen
die Möglichkeit, mithilfe der Kleingartenparzellen den Familienspeiseplan etwas aufbessern zu können
in der Zeit der Arbeitslosigkeit die aufgezwungene „freie Zeit“ mit sinnvoller und nützlicher Beschäftigung auszufüllen
So entstanden um 1835 in Berlin die ersten Vorstadtgärten als Vorläufer unserer heutigen Kleingärten.
Der Leipziger Volksarzt Dr. Daniel Gottlob Moritz Schreber, dessen Todestag sich im Jahr 2011 zum 150. Male jährte, hat Mitte des 19. Jahrhunderts eine Bewegung ins Leben gerufen, mit welcher der Gedanke von Gartenparzellen Verbreitung fand. Mit den dunklen und engen Proletarierunterkünften wohl vertraut, suchte er mit der Propagierung einer gesunden Lebensführung diesen Missständen entgegen zu wirken. Dabei setzte sich der aufrechte Demokrat vornehmlich für das Anlegen von Kinderspielplätzen ein. Nach Schrebers Tod gründete sein Freund, der Lehrer Ernst Hausschild, 1864 den „Verein zum Schaffen von Kinderspielplätzen“, der später in Schreberverein umbenannt wurde.
Auf dem im Jahre 1865 in der Leipziger Westvorstadt errichteten ersten „Schreberplatz“ ließ er von den Kindern kleine Beete anlegen, woraus die ersten Gärten entstanden.
In anderen Städten – so auch in Berlin – setzten sich die Schrebervereine nicht allgemein durch. Geblieben ist jedoch die Bezeichnung „Schrebergarten“, die in vielen Teilen Deutschlands Verbreitung fand.
In Berlin förderten vor allem die Arbeiterbewegung, das Rote Kreuz und zum Teil die Kirche den Kleingartengedanken. So entstanden in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts in und um Berlin eine Vielzahl von Laubenkolonien. Dieser Prozess wurde – wenn auch nur sporadisch – von der Stadtgemeinde Berlin unterstützt, weil sie sich damit nicht zuletzt eine Entlastung ihrer Armenpflege und eine gewisse Linderung der Wohnungnot erhoffte.
Eine alte Broschüre weiß zu berichten, dass Berlin in der ersten Hälfte der neunziger Jahre „… den Armen der Stadt ein Stück Land als Kartoffelacker überwiesen, die Aktion im Jahre 1897“ (eben im Gründungsjahr unseres Vereins) „aber eingestellt hat, weil in größerem Rahmen Laubengärten entstanden waren.“ [2]
Die älteste, uns bekannte und noch heute existierende Kleingartenanlage in Berlin ist wohl die Kolonie „Zur Linde“ in Baumschulenweg, südlich am S-Bahn-Gleis gelegen. Sie wurde 1887 gegründet und trug ursprünglich den hübschen Namen „Little Popo“. Den späteren Mitgliedern war dieser Name wohl doch zu genierlich und sie entschlossen sich in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, den Namen „Zur Linde“ anzunehmen.
Aus den neunziger Jahren stammen auch die ersten Versuche, die Laubenkolonien zu größeren Verbänden zusammenzuschließen, um die Interessen der Kleingärtner gemeinsam besser durchsetzen zu können. Immer wieder hatten sie sich der Bodenspekulation und damit verbundener Kündigungen sowie der Willkür in der Pachtzinsfestsetzung zu erwehren. So entstanden, wenn auch zunächst nur örtlich begrenzt, christliche, jüdische, Frauen- und Armen-Spartenverbände. Am 9. Februar 1901 kam es dann zur Gründung der ersten leistungsstarken „Vereinigung sämtlicher Pflanzervereine Berlins und Umgebung“. Zu den acht Gründungsunterzeichnern gehörte auch der Treptower „Pflanzerverein Ohm Paul“ am Dammweg/Ecke Köpenicker Landstraße. Der erste Bezirksverband für den Raum Treptow wurde am 14. Juni 1920 gegründet, beging also 2020 sein 100. Jubiläum.
Stärker als diese waren die Verbände der Rot-Kreuz-Laubenkolonien verbreitet. Als Begründer dieser Kolonien gilt Alwin Bielefeldt. Er war Mitglied der Sozialfürsorge in Berlin und erwarb sich Verdienste im Kampf gegen die Tuberkolose. Nach ihm trägt noch heute eine Kleingartenanlage im Stadtbezirk Lichtenberg seinen Namen.
Der bedeutendste Kleingartenverband seiner Zeit entstand im Jahre 1897. Er trug den Namen „Verband der Laubenkolonien Berlins“ und umfasste 20 Vereine mit 1000 Mitgliedern.
Bald erschienen auch die ersten Gartenzeitschriften. Die älteste ist wohl die bekannte „Gartenlaube“. Sie wurde 1853 aus der Taufe gehoben und erschien noch im Jahr 1907. (Eine → Leseprobe des Titelblattes des ersten Heftes gibt einen Einblick in die Sprache und Denkweise jener Zeit.)
Für die Kleingärtner in Treptow gab es ab 1903 eine eigene Zeitschrift mit dem Namen „Der Laubenkolonist“ zum Preis von 15 Pfennig.
Die Kleingartenbewegung in Berlin um diese Zeit wird etwa folgendermaßen beschrieben:
„Damals blühte in Berlin das Laubenkolonie-Vereinswesen. Die Menschen – vor allem wenn sie vom Lande kamen – klammerten sich an ein Stück Boden mit etwas Grünem. Es gab Gartenfeste mit selbst gekeltertem Johannisbeerwein, Leierkastenmusik und Onkel Pelle, dem Spaßmacher. Das bevorzugte Getränk der Berliner und ntürlich auch der Laubenpieper in dieser Zeit war noch immer die kühle, prickelnde Berliner Weiße. Während sich die Lokale in der Friedrichstadt inzwischen auf das „echte“, das heißt, das teure „Bayrisch Bier“ umgestellt hatten, erfreuten sich die vielen Weißbierstuben noch immer großer Beliebtheit. Es gab eine deftige preiswerte Berliner Küche und auf dem Tisch stand die „Große Weiße“, eine Glaswanne, aus der nach altem Brauch reihum getrunken wurde. Betraten zwei Leute zusammen ein Lokal und bestellten jeder für sich eine kleine Weiße, so konnte man sicher sein, dass es Zugereiste waren.“ [3]

(Quelle: Wikipedia)
Unsere Gartenfreundin Edda E. erinnert sich, dass Onkel Pelle und seine Partnerin Tante Jette noch in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts bei uns auf Neu-Seeland regelmäßig Gast waren und die Kinder erfreut haben. Den Onkel Pelle spielte Albert K. (damals auf Parzelle 49) und Tante Jette war Frau N. (damals auf Parzelle 20).
Fortsetzung folgt →
