Berlin um 1897

Man schreibt das Jahr 1897. In einem Bierlokal treffen sich im August an die einhundert Männer und Frauen. Sie beraten und beschließen, eine Laubenkolonie zu gründen. Sie hatten in Rixdorf ein Stück Pachtland von etwa 40 Hektar erworben – ob von der Stadt Berlin oder aus privater Hand, ist nicht übermittelt – teilen es in Parzellen auf und geben sich den Namen “Pflanzerverein Neu-Seeland”.

So ungefähr können wir uns den Gründungsakt, von dem wir eigentlich nichts wissen, vorstellen.

Und was waren das damals für Zeiten? Was war das für ein Berlin?

Plakat für die Berliner Gewerbeausstellung 1896 des Grafikers Ludwig Sütterlin (1865-1917)
(Quelle: Wikipedia)

Diese Stadt war in der Folge des deutsch-französischen Krieges und im Ergebnis der Reichsgründung deutsche Reichshauptsstadt geworden. Zunächst noch provinziell und in ihrem gesamten Bild hinter solchen Städten wie Dresden, Hamburg, Köln und Frankfurt am Main zurückstehend, entwickelte sich diese Stadt in den Gründerjahren sehr schnell und vergrößerte sich in Ausmaß und Einwohnerzahl. Die industrielle Entwicklung, das geistig kutlurelle Leben und die Arbeiterbewegung trugen dazu bei, dass Berlin mehr und mehr zum Zentrum Deutschland wurde.

Im Jahre 1891 unternahm Otto Lilienthal die ersten Flugversuche, verunglückte jedoch am 9. August 1896 in den Rhinower Bergen bei Stölln tödlich. Das erste Auto, ein Benz-Wagen, erhält 1892 seine polizeiliche Fahrgenehmigung.

Die Berliner Gewerbeausstellung öffnete 1896 in Treptow ihre Pforten. Sie gab unter anderem der Elektrifizierung der Berliner Straßenpferdebahn ihren Anstoß. Die erste Bahn dieser Art wurde von Siemens und Halske hergestellt. Sie verband Berlin mit Pankow. Das hat sich bewährt und 1898 beschloss der Magistrat die Umstellung des gesamten Berliner Straßenbahnnetzes auf Elektrizität. Die Umsetzung dieses Beschlusses zog sich über fünf Jahre hin.

Abschied der letzten innerstädtischen Pferdebahnlinie zwischen Weddingplatz und Potsdamer /Ecke Großgörschenstraße, 23. August 1902 (Quelle: Wikipedia)

Oskar Meßter beginnt im Jahre 1896 in Berlin mit der serienmäßigen Herstellung von Kinofilmen.

Unsere Gründungsmitglieder waren mit großer Wahrscheinlichkeit in der Mehrzahl Fabrikarbeiter von Siemens, AEG und anderen Berliner Betrieben. Da ist es wohl von einigem Interesse, wie das Leben der Arbeiter und ihre politische Situation war.

Buchcover: Illustrierte Geschichte „Das Sozialistengesetz“

Das sogenannte Sozialistengesetz wurde 1890 zu Fall gebracht. Dreizehn Jahre hindurch war die Sozialdemokratie in den Ausnahmezustand versetzt. Alle Vereine, die sozialdemokratisch, sozialistisch oder kommunistisch beeinflusst waren, Versammlungen gleichen Charakters und Druckschriften, die solche Ideen verbreiteten, standen unter Verbot und Strafe. 294 Personen mit 500 Angehörigen wurden allein aus Berlin ausgewiesen. 1.500 Personen hatte die Justiz zu insgesamt rund 1.000 Jahren Gefängnis oder Zuchthaus verurteilt.

„Nun war das jedoch vorbei. Am Abend des 30. September 1890 strömten Menschen aus allen Teilen der Hauptstadt zusammen. Musikkapellen spielten, Arbeiterchöre sangen und es gab ein Wiedersehen unter alten Genossen. Punkt Mitternacht verstummte die Musik, es gab einen Tusch, die rote Fahne wurde entrollt und unter dem Beifall von Tausenden wurde der errungene Sieg gefeiert.“ [1]

Nach dem Fall dieses Gesetzes konnten die Berliner Arbeiter in unermüdlichem Kampf eine gewisse Verbesserung ihrer Lage erreichen. Nicht zuletzt trugen dazu die Streiks und Maidemonstrationen bei. 1894 beteiligten sich 12.000 Berliner Arbeiter an der Maidemonstration. Sie führte zu einem gewaltigen Streik in Berlin. Etwa 300 Böttcher, die an der Maifeier teilgenommen hatten, wurden von den Ringbrauereien ausgesperrt. Darauf hat man einen Generalstreik aller Brauereiarbeiter beschlossen, der bis in die Weihnachtsfeiertage anhielt. Dieser Streik ging in die Berliner Geschichte als Brauereiarbeiterstreik ein. Da die Brauereien mit Aussperrungen antworteten, setzten die Arbeiter in vielen Lokalen einen Bierboykott der Ringbrauereien durch; eine Maßnahme, die sich als sehr wirksam erwies.

Dann kam die große Wirtschaftskrise und der Lebensstandard der Bevölkerung ging deutlich zurück. Der Jahresdurchschnittsverdienst eines Arbeiters betrug 1894 ganze 720 Mark. Davon musste er allein für Miete 180 bis 300 Mark im Jahr bezahlen.

Groß war die Not und das Elend der Arbeiterkinder in Berlin. Anfang der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts herrschte noch die Einklassenschule vor. Hauprfächer waren Religion und vaterländische Geschichte. Aus Furcht vor der populär werdenden Entwicklungslehre Darwins war der Biologieunterricht an den Schulen kurzerhand gestrichen worden. Doch die Schule war für Arbeiterkinder ohnehin „nicht so wichtig“. Sehr verbreitet war die Kinderarbeit, selbst für Kinder unter elf Jahren. Am 17. Juli 1897 – also einen Monat vor der Gründung unseres Kleingartenvereins – gab es eine Anfrage der sozialdemokratischen Fraktion an den Magistrat, was er gegen die Kinderarbeit zu tun gedenke. In seiner Anwort am 30. September des gleichen Jahres bestätigte Stadtrat Struwe diesen Zustand und fügt zynisch hinzu: „…, dass kein Zwang zur Kinderarbeit vorläge. Die Kinder arbeiten auf Wunsch der Eltern oder auf eigenen Wunsch“.

Plan von Berlin im 19. Jahrhundert
Plan von Berlin im 19. Jahrhundert